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GEQUANTELTER REALISMUS

KUNST : WELT : INTEGRATION

 

[english]

Die Inspirationsquellen der Künstler sind wohl vielfältig, doch ist die Schönheit der Natur mit all ihren Erscheinungsweisen die Hauptquelle des künstlerischen Schaffens. Der Versuch, die Welt um uns herum zu begreifen, in dem wir sie analysieren und mit Gedanken und Emotionen durchtränken, um sie so auf eine neue Art und Weise wiederzugeben, ist die treibende Kraft vieler meiner Künstlerkollegen.

Der rasante technische Fortschritt und die Entwicklungen in der Quantenphysik erweitern momentan die Grenzen unserer Realität und fordern unsere Vorstellungskraft auf, in neue Bereiche vorzudringen. Ich denke, dass die Menschheit kurz davor steht etwas ganz Entscheidendes über die Realität und ihren Aufbau zu lernen, was unsere Vorstellung von uns, dem Anderen und dem Objekt auf den Kopf stellen wird.

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Die Erkenntnisse der Quantenphysiker über die Beschaffenheit des Raums, welche besagen, dass jegliche Materie eine Vibration in einem allesumfassenden Feld ist, hat in mir die Frage nach einer neuen Definition des Abstrakten geweckt, die ich im Folgenden ein wenig behandeln will.

Auf meinem Weg als Mensch und Künstler hat ein Zitat meinen Forscherdrang besonders berührt. Das Zitat stammt von Salvador Dali und lautet wie folgt:

 

  „Ich sehe voraus, was die neue Malerei sein wird, die ich den gequantelten Realismus nenne. Das heißt, sie wird berücksichtigen, was die Physiker Energiequantum, die Mathematiker Zufall und wir Künstler das Unwägbare oder die Schönheit nennen. Das Bild von Morgen wird getreuester Ausdruck der Wirklichkeit sein, doch wird man spüren, dass diese Wirklichkeit beseelt ist von einem außerordentlichem Leben, das dem entspricht, was man die Diskontinuität der Materie nennt.“

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Der Begriff des “gequantelten Realismus“ wurde also vor ca. 40 Jahren von Dali das erste Mal benutzt. Er sah in der Kunst der Zukunft die Fähigkeit, eine exakte Kopie der Realität zu malen, was aber nicht bedeutete die Oberfläche des Objekts besonders realistisch wiederzugeben, sondern viel mehr ein Abbild seiner 3-dimensionalen Struktur im Raum. Der gequantelte Realismus sollte im Stande sein die permanente Verwandlung unserer Realität wiederzugeben.

The Landscape that didn't do what was expected from itIm Universum existiert nichts statisches, alles ist in einer ewigen Bewegung, Materie erscheint und vergeht, verdampft, gefriert, stirbt und wird wieder zusammengebaut, ohne dass wir einen Handschlag dafür tun müssten. Unter diesen Prozessen existiert ein fundamentales Prinzip der sich entwickelnden Form, welche von uns als die Schönheit wahrgenommen wird, die der Natur innewohnt.

Der gequantelte Realismus versucht die innere Struktur der Dinge deutlich zu machen – das Prinzip welches hinter ihrem Wachstum steckt sowie ihre Beziehung zum „Außen“.

 

Es gibt keine Grenzen – in Wahrheit ist Alles eine große Masse

 

Dieser Begriff des „gequantelten Realismus“ fasziniert mich bis heute und beflügelt meine Phantasie hin zu einem Kunststil, der die Welt als vibrierende Schwingung wahrnimmt, in dem das Objekt nur eine Manifestation des Ganzen ist und nicht als von ihm getrennt wahrgenommen wird.

 

„Das Feld existiert immer und überall, es lässt sich durch nichts entfernen und es ist Träger allen materiellen Geschehens. Bestehen und Vergehen von Teilchen sind nur Bewegungsformen des Feldes.“

 

Man könnte fälschlicherweise denken, dass dieses Zitat aus den Upanischaden stammt, so „spirituell“ es auch klingt, ist es jedoch die Äußerung eines bekannten Quantentheoretikers zur Gestalt unserer Wirklichkeit.

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Wenn die Wissenschaft Recht hat indem sie sagt, dass der Mensch nur 5% seiner Umwelt wahrnimmt, so muss man doch zu dem Schluss kommen, dass unsere alltägliche Wahrnehmung eine Abstraktion der Wirklichkeit ist, ein Bruchteil dessen was „da draußen“ vor sich geht.

Nun stelle ich ganz bewusst die Behauptung auf, dass dieser „Verlust“ der Totalität der Wirklichkeit, sehr viel mit unseren gesellschaftlichen Übereinkünften zu tun hat, und ich rede hier im speziellen von der Sprache im weitesten Sinne.  Dinge werden durch Wörter in unseren Köpfen erschaffen, und mit unserem Wortschatz erweitert sich auch unser Verständnis der Welt. Doch wenn man tiefer in diesen Sachverhalt blickt, muss man erkennen, dass es einen gravierenden Unterschied zwischen dem Wort und dem tatsächlichen Objekt gibt.

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Das Eine ist eine intellektuelle „Idee“, eine auf wenige Hauptmerkmale reduzierte „Beschreibung“ des Objekts. Das Andere, der reale Gegenstand, ist jedoch eine sich im Raum, über die Zeit hinweg, verändernde Schwingung, die niemals solch starre Grenzen besitzt wie seine intellektuelle Beschreibung.

 

Das Gegenständliche passiert im Kopf, das Abstrakte ist „dort draußen“

 

Bis zum ersten Aufkeimen der abstrakten Malerei Anfang des 20. Jahrhunderts war die Malerei mehr oder weniger reines Spiegelbild des Intellekts der betreffenden Zeit. Erst mit dem Verlangen der Menschen nach dem „Dahinterstehenden“, lässt sich der Weg in die Welt des Abstrakten nachzeichnen.

Mit Künstlern wie Monet oder Cezanne kommt ein weiterer Faktor zur Abbildung des Gesehenen dazu, nämlich die Kraft des Gefühls und des Ausdrucks. Wenn Cezanne sagt,    „Ich bringe alles zusammen was sich zerstreut“, kündigt er damit insgeheim das Ende einer fragmentarischen Weltanschauung an, die die Dinge als autonome Objekte im Raum ansieht. Die Dinge bekommen die gleiche Wertigkeit und verschmelzen in ihrer flächigen Farbmalerei zu einem homogenen Ganzen.

Kandinsky führt dies sogar noch weiter, indem er sagt:

 

„Der Sinn ist nicht mehr der Gegenstand, sondern der innere Klang der Form.“ 

 

Wir können hier eine ganz klare Abkehr vom reinen Verstand beobachten. Die Künstler fangen an, nach der tieferen Identität des Objekts zu forschen, indem sie den Gegenstand von seiner „äußeren“ Form befreien und ihn aus seinem „Inneren“ klingen lassen.

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Abstraktion ist also weniger das Weglassen von Information, als vielmehr das Aufzeigen weiterer „Schichten“ der Realität. So löst der Kubismus die organische Einheit der Gegenstände auf, gerade um deren Formgehalt zu finden. Die Abstraktion vom Gegenstand bedeutet auch gleichzeitig eine Abkehr von den einzwängenden Limitierungen des Verstandes, hin zu einer mehr intuitiven Wahrnehmung der Realität. Diese Entwicklung gipfelte in der informellen Malerei, dem Versuch, dem Chaos eine neue kreative Ordnung zu entreißen, wo das Bild das Ergebnis spontaner und schneller Entscheidungen war.

Für mich stellt sich nun die Frage in wie weit der Künstler in dieses Abstrakte vordringen kann, wie viel Information er im Stande ist hinter der Welt des reinen Verstandes hervorzuholen, um somit neue unbekannte Aspekte der Realität ans Licht zu bringen, und sie dann in unsere Welt der Sprache zu integrieren.

Das Abstrakte ist so komplex, dass wir nur einen Teil davon herausfiltern und damit ein System der Verständigung schaffen, in welchem wir uns einigermaßen zurechtfinden können. Unsere Intuition führt uns jedoch in die Untiefen des Unbekannten und es liegt an uns die Dinge ans Licht zu holen.

 

Dennis Konstantin | 2009